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Die Kesselschmiede des EAW Lingen

Von Schlagschatten und Lichtblicken

Wer sich an das alte Eisenbahnausbesserungswerk in Lingen erinnert, dem fallen häufig zuerst hohe, vom Ruß geschwärzte Mauern mit eingeworfenen dunkelbraun angestrichenen Fenstern ein, die die Kaiserstraße in eine dunkle Schlucht verwandelten und ihr eine düstere, unfreundliche Gesamtwirkung verliehen. Eine dieser Mauern war die östliche Seitenwand der Kesselschmiede.

Als die Kesselschmiede im Jahr 1895 in der 'Werkstätteninspektion Lingen' (so die offizielle Bezeichnung des Werkes zu jener Zeit) erbaut wurde, hatte sie mit ihrer späteren Erscheinung nicht sehr viel gemein. Sie bestand aus einem Hallenschiff, war um einiges kürzer als später und besaß an den Längsseiten jeweils vier Schornsteine für Schmiedearbeiten und Hallenheizung.

Massive Ausbauten

Im Jahr 1919 wurde dieses Gebäude erweitert, das mittlere Hallenschiff nach Norden um etwa 20m verlängert und die so entstandene Giebelfläche etwas anders gestaltet als der bis zum Schluss vorhandene Südgiebel. Während die grundsätzliche Aufteilung durch Pfeiler mit Sandsteinabschlüssen recht ähnlich ausgeführt wurde, fügte man in der oberen Hälfte des neuen Nordgiebels Putzflächen ein, die sich nur mühsam der neuen Gebäudeform anpassten.
Warum es zu dieser Umgestaltung kam, lässt sich heute nur noch vermuten: da sich an dieser Stelle eines der Werktore befand, hielt man diese Form der Gestaltung möglicherweise für repräsentativer. Außerdem hatte man an der 11 Jahre zuvor erbauten Halle 4 ebenfalls zu diesem Stilmittel gegriffen, es für gut befunden und die Kesselschmiede anschließend optisch angeglichen.
Beiderseits des Mittelschiffes entstanden zur gleichen Zeit zwei weitere Hallenschiffe, die sich in ihrer äußeren Ausgestaltung auch nur leidlich dem Bestand anpassten.

Die Gliederung der nun etwa 80m langen Seitenwände wurde durch Lisenen und sparsam eingesetzte Friese erreicht. Große Rundbogenfenster belichteten das Gebäude.
Über einem schmalen Ziegelfries, der das obere Viertel der Mauer abgrenzte, wurden in regelmäßigen Abständen kleine Fenster in Dreiergruppen angeordnet, die sich mit fensterlosen Segmenten abwechselten.
Über diesen Abschnitten erhoben sich Oberlichter mit dreieckigen Stirnflächen. Sie sind baulich mit jenen identisch, die an der Halle 1 & 2 ein Jahr vor der Erweiterung der Kesselschmiede zum Einsatz kamen.
Hier wird deutlich, wie sich das neue Denken über funktionale Industriearchitektur auch bei diesem herkömmlich gestaltetem Hallentyp langsam einschlich.

Schattenseiten

Auf der westlichen, werkzugewandten Seite wurde die Fassadengestaltung der hinzugekommenen Anbauten ähnlich ausgeführt. Mit dem Unterschied, dass hier die kleinen Dreiergruppen durch größere Einzelfenster ersetzt wurden. Dies geschah vielleicht, um die Lichtausbeute an dieser Westwand, die im Gegensatz zur Ostwand zugleich die Außenwand des Hauptschiffes wurde, zu erhöhen. Auch richteten sich auf dieser Seite die auf dem leicht geneigten Dach auflagernden Oberlichter nach keinem Raster und schienen beliebig aufgesetzt.
Einige Jahre nach der Errichtung der beiden Anbauten wurde ein Teilstück der westlichen Hallenwand nach innen eingerückt und die Last der darüber verbliebenen Mauer mittels eines eingefügten Stahlträgers abgefangen. Diese Änderung wurde notwendig, da an das hier verlaufende Werkgleis eine Schiebebühne zwischen Halle 4 und Halle 1 & 2 angeschlossen wurde und die Hallenwand den Bewegungsraum der Anlage beschränkt hätte.
Dies und die schmale Gasse, die nach der Erweiterung zwischen Halle 4 und Kesselschmiede blieb zeigt, wie beengt die Verhältnisse auf dem Werkgelände almählich wurden. Jeder Zentimeter wurde ausgenutzt, was auch die Grenzbebauung entlang der Kaiserstraße bewies. Hier folgte die Hallenwand sogar einer leichten Abwinkelung der Fahrbahn und verjüngte sich leicht in nördliche Richtung.

Die negativen Auswirkungen, welche die Erweiterungsbauten der Kesselschmiede für die Kaiserstraße mit sich brachten, wurden besonders in den späteren Jahren mit dem stetig steigenden Straßenverkehr deutlich.
Die Lärm- und Schmutzsituation der Straße hatte sich durch den täglichen Durchgangsverkehr der schweren LKW, die mit lautem Getöse durch die Straße donnerten, in der das Echo von einer Straßenseite zur anderen geworfen wurde, immer weiter verschlechtert. Aus diesem Grunde wurde der Kaiserstraße nicht völlig zu Unrecht, der wenig schmeichelhafte Ruf als 'hässlichste Straße des ganzen Emslandes' zuteil.

Innenleben

Im Innenbereich war die Kesselschmiede zum neuen westlichen Seitenschiff geöffnet, in dem sich neben einem kleinen Büro keine weiteren Einbauten befanden. Demgegenüber blieb dem Seitenschiff zur Straßenseite hin die historische ehemalige Außenmauer erhalten und wurde zur Innenwand, die diesen Bereich von der übrigen Halle abtrennte.
In diesen schmalen Gebäudestreifen baute man in den 1930er Jahren unter anderem einen Waschraum sowie später mehrere einstöckige Büroräume und Meisterzimmer in containerartiger Bauweise ein, diese waren jedoch konstruktiv mit der neuen Außenwand verbunden, indem Stahlanker hindurchgetrieben wurden, die an der Straßenseite äußerlich sichtbar blieben.
Der nicht unbeträchtliche Luftraum über den Büros blieb ungenutzt, was die Erweiterung eigentlich ziemlich unwirtschaftlich machte.
Im südlichen Ende des Bereiches befand sich noch ein etwa zwanzig Meter langer Raum, der in voller Höhe als Reinigungsraum genutzt wurde. Hier wurden Kessel vor den Schmiedearbeiten von Ruß und Schmutz befreit. Dieser Raum verfügte über ein nachträglich eingebautes großes Tor in der Südwand der Halle und war seinerzeit mit einer Schiebebühne vor der Kesselschmiede an das Gleisnetz des Werkes angeschlossen.
Die bei den Reinigungsarbeiten entstehenden Dampfschwaden wurden über zwei auf dem Dach aufliegende Lüftungsaufbauten abgeführt.

Das aus freitragenden Stahlfachwerkträgern konstruierte Dach der Halle ruhte einerseits auf der erhalten gebliebenen originalen Ostwand, deren Fensteröffnungen vermauert wurden und andererseits auf einer nachträglich eingebauten Stahlstützenreihe. Neben den Dreiecksoberlichtern gab es über dem Hauptschiff ein zentrales Lichtband mit leichter Neigung.
Auf zwei schweren Laufkranbahnen bewegten sich vier Kranbrücken unterschiedlicher Belastungsgrenze von 0,75t bis 25t.

Stille Jahre

Bereits im Jahr 1957 wurde die Kesselabteilung des Eisenbahnausbesserungswerkes Lingen aufgelöst. Das leerstehende Gebäude wurde daraufhin als Vorwärmerwerkstatt genutzt und später an unterschiedliche Firmen zu Lagerzwecken vermietet. Auch eine Autolackiererei fand zeitweilig hier ihre Betriebsräume.
Im Jahr 1987 lagerten Tausende Düngemittelsäcke in der Kesselschmiede, während äußerlich der Zahn der Zeit unerbittlich an der Bausubstanz nagte.
Instandhaltungsmaßnahmen wurden kaum noch durchgeführt. Das Dach war großflächig undicht und die Fenster der Straßenseite, die aus unerfindlichen Gründen mit einer dunkelbraunen Farbe angestrichen worden waren, wurden mit schöner Regelmäßigkeit die Zielscheibe von angeheiterten Personen, die nächtens unter Begleitung von lautem Getöse die Scheiben einwarfen. Daraufhin verkleidete man die unschönen Glassplitter mit ebenfalls braunen Spanplatten, was der Gesamtwirkung jedoch alles andere als zuträglich war.
All diese Umstände machten eine Erhaltung des Gebäudes schon aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus fraglich. Ein Rückbau der Erweiterungsflügel hätte viele neue Probleme aufgeworfen und so war das Ende eigentlich klar.

Lichterscheinungen

Im Mai 1989 begannen an dem werkzugewandten Seitenschiff die Abrissmaßnahmen. Es folgte das Hauptschiff. Am 10. Mai 1989 wurde die ansonsten stark frequentierte Kaiserstraße vollständig für den Verkehr gesperrt und die Grenzbebauung der Kesselschmiede niedergerissen.
Nach dem Fall der letzten Ruinen ergoss sich ein wahrhaft goldgelbes Licht der Abendsonne von Westen her über die Straße und ließ sie in nie erlebter Helligkeit erscheinen.
Jeder, der die Kaiserstraße kannte, erlebte nun eine Überraschung. Die große Weite und das Licht waren ein völlig ungewohntes, positives Erlebnis, was für die Zukunft vielversprechend erschien.

Die Trümmer der Kesselschmiede wurden in den folgenden Tagen abtransportiert, die Fläche ein Jahr später entsiegelt und etwas später mit Wildblumen-Einsaat versehen.
Der zunächst als Abgrenzung übrig gebliebene, etwa einen Meter hohe Rest der Ostmauer wurde zunächst begradigt und im Verlauf der Arbeiten im Juni 1993 restlos entfernt.
Der Abriss der Kesselschmiede war aus historischer Sicht zwar bedauerlich, jedoch, realistisch betrachtet, schwer zu umgehen. Allein schon, weil für die bereits damals absehbare Umnutzung der Halle 4 und der großen Lokomotivhalle 1 & 2 ortsnahe Parkflächen nötig waren.

Nachdem die Sanierung der Halle 4 im Jahr 1998 abgeschlossen war und der Parkplatz auf dem Nordabschnitt bereits knapp wurde, legte man auf dem ehemaligen Standort der Kesselschmiede eine weitere Parkfläche an und führte auch hier den Rad- und Fußweg mit der flankierenden Buchenhecke fort.
Zur Eröffnung der neuen Unterführung zwischen der Halle 4 und der Halle 1 & 2 im November 2007 wurde die Anbindung an die Feldstraße über den Standort der alten Schmiedehalle gelegt und eine Ampelanlage aufgestellt.
Den Rest dieser Fläche belegt heute der Mensa-Neubau der Fachhochschule Osnabrück - ein gesichtsloser, leberwurstfarbener Quader mit Baucontainer-Chic, der darüber hinaus als Barriere wirkt und den Blick auf die historischen Werksfassaden verstellt.

Dipl.-Ing. [FH] Arch. Frank F. A. Drees

Erbaut:
1895 / 1919
Bauform:
Einschiffiges Hallengebäude mit späteren Anbauten, Gründerzeit
Bauweise:
Ziegel-Massivbau, Dachtragwerk Stahl, Holzdach
Grundfläche:
ca. 2.500m²
Max. Abmessungen:
ca. 32 x 81m
Historische Nutzung:
Kesselschmiede, Vorwärmerwerkstatt, Lager
Abbruch:
Mai 1989
Heutige Nutzung:
PKW-Parkfläche / Fahrradweg